☆Clara Vivian Stang☆
Texte
Texte zu meinen Werken
★Text von Charlotte Spachholz
★"Was ist das Geheimnis?"
Clara Vivian Stang
★Gedicht von Tayla Spitzbart
★"Zeitgeister" Prosasammlung von Tayla Spitzbart zu Werken von Clara Vivian Stang
★Text von Stefanie Patruno
★
Charlotte Spachholz, 2024
Text für Clara
Schemenhafte Wesen in ihrem nackten Sein in starren Gebärden. Kleine Visagen, die sich ausdrucksstark in den Fokus der Aufmerksamkeit ziehen. Animalische und menschliche Charakteristika, die in ihrer Darstellung scheinen ineinanderzufließen. Verschlüsselte Blicke suchen nach Antworten und scheinen in ihren starren Körpern gefangen zu sein, Körper, die an Käfige erinnern oder von Zäunen und harten Kanten eingerahmt sind. Es scheint, als verbürgen sich hinter diesen puppenartigen Fassaden der Figuren große Sehnsüchte und Träume nach einem Sein außerhalb ihrer eigenen Gefangenheit.
Die Figuren, die Clara Stang zum Zentrum der Betrachtung ihrer Werke macht, ziehen uns in ihren magischen Bann und stellen sich uns gegenüber, gehen in die Konfrontation, ohne aufdringlich zu sein. Sie irritieren, stellen bloß und halten uns einen Spiegel vor. Etwas erscheint jedoch nicht im Einklang mit ihrem Sein: Kleine Köpfe erhaschen einen Ausblick aus Gucklöchern des Körpers, nach einer Welt außerhalb ihrer Zelle. Die Blicke sind getragen von einer besonderen Sehnsucht. Starre Körper und skizzenhafte Umrisse in farbintensiver Einbettung, definieren die Szenarien und verleihen eine aufwühlende Dynamik.
Clara Stang setzt sich in ihren Werken mit Figuren auseinander, in denen sie die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwommen lässt. Es sind Figuren, die in mir eine Sehnsucht auslösen, unklar ob nach Sinn, Freiheit, höherem Sein, Erfüllung oder Liebe. Die Motivik der Gesichter, die wie kleine Ausschnitte von Wesen ihren Platz im Werk erhalten, lassen die Interpretation stets zur freien Assoziation der betrachtenden Person offen und schaffen so einen nahbaren Zugang. Die Gesichter und Verkörperungen von Wesen beschäftigen sich mit der Gegensätzlichkeit vom Schein der Fassade und inneren Tiefen. Eine äußere Wesenshülle wird von der betrachtenden Person selbst gefüllt mit inneren Motiven, Gedanken oder auch der Konfrontation der Leere. Mit sich selbst im Kontakt stehen und die Konfrontation mit dem Selbst zu durchleben, erscheinen ebenfalls Leitmotive ihrer Kunst zu sein.
Mit dem Bezug auf Rilkes Panther, den sie als Inspiration für ihre Bachelor Werke miteinfließen ließ, setzt sich das Animalische im Menschen als Thema durch. Wir drehen unsere Kreise in unserer Gefangenheit, in unseren Gedanken, Sehnsüchten und Wesensfacetten. Vielleicht setzen wir uns selbst die Panther-Maske auf. Die verschachtelten Charaktere, die an Matrjoschka-Puppen erinnern, lassen uns teilhaben an dem Moment, in dem die Bilder der Welt durch den „Vorhang der Pupille“ des Menschen dringen und ihn kurzzeitig erfüllen, ihn jedoch nicht für immer in diesem Gefühl verweilen lassen. Die Figuren verstecken ihre Visage hinter aufgesetzten Masken, vielleicht vor der Welt. Wie die tausend Stäbe, in deren inneres ein Tier kein Zugang zum Äußeren zu finden scheint, beobachten wir die Figuren in ihrem strebenden Dasein nach einem anderen Dasein. Schlüssel und Schloss als Symbole, lassen uns im Ungewissen darüber, welche Fragen der Gefangenheit die Figuren umtreiben. Welchen Schlüssel die Figuren benötigen, um sich zu befreien, kann nur erahnt nicht aufgelöst werden. Vielleicht verbirgt sich in den Personen ein großer Wille, der umfangen von den eigenen Grenzen im Verborgenen unerfüllt bleibt?
Tayla Spitzbart,
lyrischer Prolog,
2025
Hirngespinste. Zart wie Rauch. Fein wie Staub. Sie flimmern. Sie tanzen. Wie Schatten an der Schlafzimmerwand. Wir sind wie Passepartouts. Schöne Umrahmungen für eine Zukunft, die uns nicht gehört. Die wir nie wollten. Die wir vergessen haben. Die uns vergessen hat. Weinende Engel sitzen auf Fensterbänken und schauen zu, wie wir uns verlieren. Wie Öl in Wasser. Untrennbar. Unvereinbar. Unsichtbare Grenzen.
Wir wollen näher Richtung Zukunft, ohne uns dabei von uns selbst zu entfernen. Wir schauen in die Vergangenheit, aber wollen uns dabei selbst nicht zu nahekommen. Nichts bricht leiser als unsere Herzen. Nichts ist so laut wie das Schweigen nach dem Abschied. Wir füllen die Leere mit Dingen, die nicht da sind. Mit Stimmen, die nicht sprechen. Mit Blicken, die nicht sehen. Wir spielen mit Spielanleitung, aber ohne Spielfiguren.
Unsere Schatten flüstern. Namen, die wir vergessen wollten. Momente, die wir nie erleben durften. Die Schatten atmen. Leise. Beharrlich. Aus den Schatten wachsen Gewächse. Schattengewächse. Sie sprießen in den Spalten der Ängste.
Einbruch.
Ausbruch.
Umbruch.
Durch die Risse fällt Licht.
Text von Stefanie Patruno
Ausstellungseröffnung
Clara Stang – Das, was ist
Sonntag, 26. April 2026
„Wer bin ich denn?“ – fragt Alice, nachdem sie durch den Kaninchenbau gefallen ist. Eine einfache Frage, und doch eine, die sich im Verlauf von Alice's Adventures in Wonderland immer weiter verkompliziert. Identität gerät ins Rutschen,
Größenverhältnisse verschieben sich, Wahrnehmung wird unsicher.
In den Arbeiten von Clara Stang geht es um genau diese Verunsicherung: um das
Verhältnis von Innen und Außen, von Erscheinung und Empfinden, von dem, was
sichtbar ist – und dem, was verborgen bleibt.
Wir sehen Arbeiten aus den letzten zwei Jahren – und es fällt sofort auf: Diese Malerei besitzt eine große Klarheit, gerade weil sie sich dem Eindeutigen konsequent entzieht. Was uns begegnet, sind Gesichter, Figuren und Figurenkonstellationen – manchmal weiblich lesbar, manchmal geschlechtsneutral, oft bewusst uneindeutig. Sie treten uns nah gegenüber und bleiben doch auf Distanz. Ihre Konturen lösen sich an den Rändern
auf, und dennoch sind sie unübersehbar präsent.
Wenn man sich einzelnen Werken zuwendet, wird diese Spannung sehr konkret
erfahrbar. In „Schwestern“ (2026), „Verknotet“ (2026) oder „140x200“ (2025) etwa
stehen Figuren dicht beieinander, teilweise ineinander verschränkt, fast spiegelbildlich – und doch wirkt ihre Beziehung eigentümlich starr, beinahe eingefroren. Es geht hier nicht um erzählte Handlung, sondern um Beziehungen als Zustand: Nähe ohne Auflösung, Verbundenheit ohne eindeutige Klärung.
Immer wieder tauchen Gesichter als Masken auf. Sie wirken aufgesetzt, verschoben
oder verdeckt. In „Ophelia“ oder „Ophelia im Grünen“ (2025/26) etwa entsteht der
Eindruck einer Oberfläche, hinter der sich etwas anderes verbirgt. Diese maskenhafte Gesichter sind keine bloßen Verkleidungen – sie markieren eine Spannung zwischen äußerem Schein und innerer Tiefe, zwischen dem Wunsch, sichtbar zu sein, und dem gleichzeitigen Bedürfnis, sich zu entziehen. Der Titel „Ophelia“ ruft dabei Assoziationen an eine Figur zwischen Hingabe und Auflösung auf – ein Zustand, der auch hier weniger erzählt als vielmehr atmosphärisch präsent wird. Daneben treten in der Ausstellung auch andere erzählerische Referenzen auf: „Alice“, „Alice‘2“, „Im Wunderland“ oder auch „Rapunzel‘2“. Diese Titel öffnen Assoziationsräume, ohne sie festzuschreiben. Wie bei Alice im Wunderland geht es nicht um Illustration, sondern um ein Kippen der Wirklichkeit: um Perspektivverschiebungen, um das Gefühl, in eine andere Logik hineingezogen zu werden. Der „Hasenbau“ ist hier nicht nur Motiv, sondern beinahe ein Prinzip – ein Hineingeraten in innere Bildräume, in denen Maßstäbe und Sicherheiten außer Kraft gesetzt sind. Auffällig ist zudem, wie sich in vielen Figuren menschliche und animalische Züge überlagern. In „Hasenbau“ oder „Hobby Horsing“ verschieben sich die Körper ins Tierhafte, ohne ihre menschliche Lesbarkeit zu verlieren. Diese Übergänge sind leise gesetzt – und gerade dadurch wirksam: Das Vertraute wird irritiert, ohne sich ganz aufzulösen.
Ein zentraler Werkkomplex sind die lavierten Porträts. Hier verschmelzen die Gesichter regelrecht mit dem Malgrund. Die Farbe ist verdünnt, sie verläuft, sie lässt Formen ausfransen. Es entstehen Momentaufnahmen von Stimmungen – flüchtige Emotionen, die nicht fixiert, sondern eher im Verschwinden gezeigt werden. Man sieht kein abgeschlossenes Gesicht, sondern einen Zustand im Übergang. Diese Wirkung ist untrennbar mit der Maltechnik verbunden. Clara Stang, die bei Tatjana Doll studiert, arbeitet mit einer Farbigkeit, die zunächst weich und warm erscheint: lasierende Schichten, fließende Übergänge, ein beinahe atmosphärischer Farbauftrag. Doch diese Sanftheit wird immer wieder gebrochen. Plötzlich treten stärkere Kontraste auf, Linien verdichten sich, Formen werden klar herausgearbeitet. Gerade dieses Wechselspiel trägt die Bilder: Das Zarte kippt ins Konfrontative, das Ungefähre ins Präzise. Konturen lösen sich auf – und tauchen im nächsten Moment wieder auf. Das Bild bleibt in Bewegung, selbst dort, wo es still erscheint. Und genau darin wird die Ambivalenz dieser Figuren sichtbar: Sie sind weder ganz greifbar noch ganz entrückt.
In kleineren Formaten – etwa bei „Nasen kitzeln“, „Nasenspitze“ oder
„Schmetterlingskuss“ – rücken uns Gesichter besonders nah. Diese Antlitze haben
etwas Drängendes: Sie schauen, sie warten, sie scheinen sich an den Rand ihres eigenen Bildraums vorzutasten. Man könnte sagen: Sie blicken wie durch eine dünne Membran nach außen – und bleiben doch in ihren eigenen Körpern eingeschlossen.
Dieser Moment des Eingeschlossenseins zeigt sich auch in größeren Formaten. In „Kuss auf den Hinterkopf“ (2026) wird eine Geste der Nähe sichtbar – und zugleich entzogen, weil das Gesicht verborgen bleibt. In „Warten“ (2026) erscheint die Figur wie in sich selbst zurückgezogen, fast reglos, als wäre sie in einer Haltung erstarrt.
In Werken wie „Traumlandschaft“, „Träumen‘1“, „Träumen‘2“ oder „Traum und ich“
öffnet sich ein weiterer Raum – ein Zwischenbereich von Innerem und Äußerem, von Erinnerung und Imagination. Es geht hier um Sehnsüchte, um Projektionen, um innere Bilder, die keine festen Erzählungen anbieten, sondern selbst eine traumartige Wahrnehmung erzeugen. Der Ausstellungstitel „Das, was ist“ bekommt vor diesem Hintergrund eine eigentümliche Dringlichkeit. Er wirkt zunächst nüchtern, beinahe tautologisch – und öffnet zugleich ein Feld von Fragen: Was ist „das, was ist“? Ist es das Sichtbare? Das Gefühlte? Das Erinnerte? Oder gerade das, was sich einer eindeutigen Bestimmung entzieht?
Das, was wir hier sehen, bleibt bewusst in der Schwebe: Körper oder Hülle, Maske oder Gesicht, Moment oder Erinnerung.
Vielleicht liegt die Stärke von Clara Stangs Malerei genau darin, dass sie uns mit dieser Unsicherheit konfrontiert – mit dem eigenen Blick, mit dem eigenen Bedürfnis, festzulegen, zu erkennen, zu benennen. Und vielleicht ist es gerade dieses nackte, unverstellte Sein, das in vielen Figuren aufscheint – in ihren oft unbewegten, fast starren Haltungen –, das diese Bilder so eindringlich macht. Sie zeigen keine großen Gesten, sondern Zustände des Daseins:
verletzlich, suchend, manchmal verschlossen.
Clara Stangs Malerei gibt darauf keine Antworten. Und genau darin liegt ihre
Konsequenz: als eine Form des Sehens, die offen bleibt, die Ambivalenz nicht auflöst, sondern sichtbar macht und trägt. In einer Zeit, die oft nach Eindeutigkeit verlangt, bestehen diese Bilder auf dem Dazwischen, auf dem Unklaren, auf dem Prozesshaften. Sie fordern uns nicht auf, sofort zu verstehen, sondern genauer hinzusehen. Und vielleicht ist genau das ihre besondere Qualität: dass sie uns als Betrachtende nicht außen vor lässt, sondern in diese Schwebezustände hineinzieht – in eine Form von stiller, beinahe anonymer Intimität.
"Was ist das Geheimnis?"
Clara Vivian Stang, 2022
was ist das geheimnis?
als der abend so verran,
fragte ich mich allmählich
wohin er schwand.
wohin er ging und was dort passierte?
ich gehe in ein dunkles zimmer
und suche etwas
was ich nicht verloren habe.
ich weiß, da ist ein geheimnis versteckt
hinter jeder iris wartet die gleiche tür
die etwas verbirgt was uns verbindet.
hinter dem schlüsselloch ist ein spiegelndes glas,
man sieht nur sich selbst,
kein schlüssel passt.
es ist wie ein gedicht lesen,
dieser warme schauer
etwas zu erahnen.
der sprachlosigkeit werden worte geschenkt.
ich verstehe es nicht,
aber ich finde es schön.
es klingt nach der lösung,
es klingt nach dem schlüssel.
ein ende der lebenslangen amnesie.
ich weiß, zeit vergeht,
der abend rennt.
morgen werde ich euch alle noch erkennen
doch sehen werde ich nur eure veränderung.
ich weiß, ich weiß
nichts. nur gewiss ist
das geheimnis.
vielleicht am ende des labyrinthes.
mit dem letzten atemzug,
ein plötzliches gefühl des jetzts -
macht alles einen sinn.
der Schlüssel passt,
was sehe ich?